Umschulung der Händigkeit

Trotz zahlreicher engagierter (selbstbetroffener) Linkshänder, Änderungen in Schulrichtlinien und zunehmenden Forschungsergebnissen, es gibt sie noch immer: die Umschulungen von Linkshändern - zumeist basierend auf gesellschaftlichen Vorurteilen. Ob gewollt oder unbewusst vorgenommen, ob schnell oder einfühlsam, Versuche die Händigkeit zu beeinflussen stören die Entwicklung eines Kindes! Dementsprechend verbieten heute nahezu alle Schulrichtlinien, herausgegeben von den entsprechenden Kultusministerien, die Umschulung der Händigkeit.

Dr. Johanna Barbara Sattler, deutsche Pionierin in Sachen Linkshändigkeit, spricht von massivsten Eingriffen in das menschliche Gehirn.
Insbesondere beim Schreiben, einer intellektuell belastenden Tätigkeit die gleichzeitig hohe feinmotorische Ansprüche stellt, kann es durch Umschulung der Händigkeit kurz- mittel- oder langfristig zu einer Vielzahl von Folgeerscheinungen kommen. Frau Dr. Sattler, nennt hierzu folgende Primärfolgen:

  • Gedächtnisstörungen, insbesondere beim Abrufen von Lerninhalten
  • Konzentrationsstörungen bzw. schnelle Ermüdbarkeit
  • Lese-Rechtschreibschwierigkeiten
  • Raum-Lage-Schwierigkeiten (Links-Rechts-Unsicherheit)
  • Feinmotorische Schwierigkeiten, z.B. schlechtes Schriftbild
  • Sprachstörungen (bis hin zum Stottern)

Mit der Zeit können sich diese auch in folgenden Sekundärfolgen umsetzen:

  • Minderwertigkeitskomplexe
  • Unsicherheit
  • Zurückgezogenheit
  • Überkompensation durch erhöhten Leistungseinsatz
  • Trotzhaltung, Widerspruchsgeist (vom Klassenclown bis zum ewigen Witzemacher im Erwachsenenalter)
  • Verhaltensstörungen
  • Bettnässen und Nägelkauen
  • Emotionale Probleme bis hin zu neurotischen und/oder psychosomatischen Symptomen
  • Störungen im Persönlichkeitsbild

Keine der oben genannten Folgen kann ausschliesslich aufgrund einer Umschulung der Händigkeit entstehen. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von Entstehungsgeschichten. Durch eine zusätzliche Umschulung erfahren die möglichen Symptome jedoch eine unverhältnismässig starke Verstärkung.
Viele betroffene umgeschulte Linkshänder berichten von Wortfindungsstörungen. Sie fühlen sich in sich selbst eingesperrt und erleben sich selbst nicht selten als tollpatschige Sprachidioten.

Kinder welche umgeschult werden, müssen enorme Umwege in ihren eigenen Hirnleistungen gehen. Diese mindern zwar nicht die Intelligenz, binden aber enorme Kräfte, die die Kinder gerade beim Abrufen von Lerninhalten, beim Einsatz von Schrift und Sprache quasi zusätzlich aufbringen müssen (vgl. hierzu auch „Beratung von Eltern linkshändiger Kinder“). Dies steht eindeutig im Widerspruch zur weitläufigen Meinung umgeschulte linkshändige Kinder würden sich eher in die Gesellschaft eingliedern und hätten es somit später einmal im Leben einfacher. Erschwerend kommt hinzu, dass die möglichen Folgen einer Umschulung in der Gesellschaft nicht hinreichend bekannt sind, oder verleugnet werden.
Ungewollte Umschulungsversuche, z.B. wenn Eltern ihr Kind unbewusst beeinflussen oder sich das Kind durch Nachahmung (unbewusst) selbst umschult, können sehr sanft erscheinen. Die Ausprägung der Händigkeit ist auch kein entweder-oder, sondern vielmehr ein Kontinuum bis hin zu den seltenen Fällen der Ambidexter, den echten Beidhändern (Vgl. Definition Händigkeit). Daher kann man sicher die These aufstellen, das solch unbewusste Umschulungen eher bei Kindern stattfinden, bei denen eher eine Tendenz zum Beidhänder da ist und die Umschulung daher nicht so problematisch ist, wie bei einem ausgeprägt linkshändigem Kind. Dagegen muss man dann aber auch bedenken, dass Kinder die sich selbst umschulen oder sich schnell umschulen lassen, meist aufgrund hoher Sensibilität ein hohes Anpassungsbedürfnis haben und als sensible Menschen dann vielleicht stärker als andere unter den Folgen der Umschulung leiden.
Bei gewollten Umschulungsversuchen könnte man wiederum davon ausgehen, das Folgen der Umschulung, da diese ja bewusst geschieht und somit um die eigentliche Linkshändigkeit gewusst wird, eher wahrgenommen werden; ja das auf diese geachtet wird. Doch selbst wenn Schwierigkeiten wahrgenommen werden, wird deren Entstehung viel zu selten auf die Umschulung rückgeführt. Und wie schnell werden auffällige Kinder im Zeitalter von AD(H)S und gestressten Lehrern in Schubladen sortiert, ohne dass nach Hintergründen gefragt wird?
Umschulungen und Umschulungsversuche sind und bleiben Eingriffe in die persönliche Entwicklung des Kindes und können weitreichende Folgen haben!

Text: M.Zotter
Ergotherapeutin
BSc "Occ. Ther."
(Bachelor of Science for Occupational Therapy)


Weiterführende Literatur:
Sattler, Johanna Barbara. Linkshändige und umgeschulte linkshändige Kinder sowie Kinder mit wechselndem Handgebrauch in der Ergotherapie. In: Ergotherapie & Rehabilitation. Erschienen 5/2002. S.: 21-29.
Sattler, Johanna Barbara. Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Gehirn. Auer Verlag.