Linkshändigkeit und Gesellschaft für Linkshänder

Fragt man nach dem Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung erhält man je nach Studie sehr unterschiedliche Zahlen. Schätzungen reichen von lediglich 6 Prozent, über ca. 30 bis hin zu 50 Prozent. Ein Trend ist jedoch nahezu allen Studien gemein. Die Zahl der Linkshänder steigt. Erklärt wird dies nicht etwa durch einen echten Anstieg von Linkshändigkeit, sondern vielmehr durch die wachsende Akzeptanz in der Gesellschaft, welche sich auch in abnehmenden Umschulungsversuchen widerspiegelt. So ist es z.B. Seit der Neufassung des Lehrplanes für Grundschulen in Bayern von 2000 ausdrücklich untersagt, die angeborene Händigkeit eines Kindes umzuschulen - ein Zeichen dafür, dass junge Linkshänder heute gleichberechtigt als normale Menschen aufwachsen können.
Dennoch war und ist dies ein langer Weg, bedenkt man dass bereits 1976 am 13. August zum ersten Mal der Welt-Linkshänder-Tag begangen wurde und bereits seit den frühen 1970er Jahren erste Linkshändertests existieren. Linkshändigkeit wurde nicht nur bis weit in die 1970er Jahre unterdrückt, Umerziehungen hin zur rechten Hand als guter Schreibhand waren, im Osten noch strikter als im Westen Deutschlands auch in den 1980er noch normale Schulpraxis. In weiten Bereichen der Gesellschaft ist eine fehlende Akzeptanz selbst heute noch spürbar. Häufig ist hierzu auch ein Generationenkonflikt spürbar. So meinen heute die Grosseltern deutlich häufiger noch, Anstand und Sitte verlangen nach einer Umschulung und dem Gebrauch der rechten Hand.
Auch im täglichen Miteinander müssen sich Linkshänder immer wieder gesellschaftlichen Normen anpassen, wie z.B. beim Handgeben zur Begrüßung oder Hantieren mit Gegenständen für rechtshändigen Gebrauch. Gerade linkshändigen Kindern fällt dies zum Teil schwer. Besonders sensible Kinder benötigen eine gute Rückenstärkung, um damit klar zu kommen. Auch eine gute Aufklärung über sinnvolle Gegenstände für Linkshänder (s. Beratung für Eltern linkshändiger Kinder) kann hier schon Abhilfe schaffen.

Auch im Sprachgebrauch halten sich alte Weisheiten aus dem Lateinischen z.T. bis heute.

Sinistra (lateinisch für links) wurde weiterhin abwertend übersetzt mit:

Ungeschickt
Böse
Unbeholfen

Während dextra (lateinisch für rechts) gleichbedeutend ist mit:

Mut
Tapferkeit
Treue.


Die Abwertung des Linken manifestiert sich bis heute in der deutschen Sprache, indem:

Zwei linke Hände haben

Jemanden linken

Links liegen lassen und

Ein linker Typ

Dem rechten mit seinen positiven Eigenschaften gegenübersteht:

Sein Herz am rechten Fleck haben

Recht haben

Recht sprechen

Richtig

Rechtzeitig.

 

 

Text: M. Zotter
Ergotherapeutin
BSc "Occ. Ther." (Bachelor of Science for Occuptional Therapy)

Literatur:
Kisch, Andrea & Pauli, Sabine: Linkshänder und Kinder mit wechselndem Handgebrauch in der Ergotherapie. Erschienen in Praxis Ergotherapie. Jg. 24 (3). Juni 2011. S. 144-149
Schilling, Friedhelm (2009). Linkshändigkeit. Diagnose der feinmotorischen Leistung und Händigkeit bei Kindern. Erschienen in: Praxis Ergotherapie. Jg. 22 (2). April 2009. S. 79-83
Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung (Hrsg.) (2000). Neufassung des Lehrplanes für die Grundschulen in Bayern (2000).Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus und Wissenschaft, Forschung und Kunst. München. S.78