Was ist ein Händigkeitstest und wie geht er?

Prinzipiell gibt es im deutschsprachigen Raum verschiedene Assessments zur Erfassung der Händigkeit. Tests zur Händigkeit sollen dort mehr Klarheit bringen, wo das Gefühl oder die Beobachtung des Laien zur Händigkeit eines Menschen unsicher ist. Erstaunlich oft fällt es Eltern schwer, sichere Angaben zum dominanten Handgebrauch ihres Kindes zu machen. Im Alltag werden diese Angaben nur allzu oft von Nachahmung, Wunschdenken und/oder (ungewollten) Manipulation verfälscht. Welche rechtshändige Mutter legt ihrem zweijährigen Kleinkind den Löffel denn beim Tischdecken mittig mit Griff zum Kind? Welcher Vater, egal ob links- oder rechtshändig reicht seinem Kind beim Malen die Stifte immer von mittig vorn, damit sein Kind spontan seine bevorzugte Hand zum Greifen nutzt und nicht einfach die dem Stift näher liegende?

Zur Klärung der Handpräferenz, also der Bevorzugung einer Hand im spontanen Handgebrauch wie sie z.T. Schon in den ersten Lebensmonaten eines Kindes zu beobachten ist, sind Beobachtungsbögen und Fragebögen für die Probanden bzw. Eltern dienlich. Diese sollen helfen, alltägliche Beobachtungen zum Handgebrauch methodisch zu strukturieren. Ergotherapeuten oder ausgebildete Linkshandberater, welche zur Testung Beobachtung- und Fragebögen hinzuziehen sind stets bemüht, durch die überlegte Anordnung des Materials Zufallsergebnisse oder Beeinflussung der Probanden auszuschalten. Getestet werden hierbei sowohl unimanuelle Tätigkeiten, d.h. mit nur einer Hand auszuführende Handlungen (wie z.B. Kreisel drehen, würfeln, Bausteine stapeln, Zahnbürste greifen, Löffel nehmen) als auch bimanuelle Tätigkeiten, also Handlungen die beider Hände benötigen (wie z.B. Papier zerreißen, Wäscheklammer an Schnur heften, Nagel einschlagen, Schneiden oder mit Messer und Gabel essen), wobei dann in aktive und passive Hand unterschieden wird. Es hat sich bei einer solchen Testung bewährt sowohl sehr spontane, von der Erziehung bzw. Umwelt kaum geprägte Tätigkeiten als auch Aktivitäten, die stärker von Erziehung oder Nachahmung beeinflusst werden einzubauen. Als Einblick erhält man z.B. unter www.forum-ergotherapie.de oder www.lefthander-consulting.org/deutsch/Fragebogen.htm einen Auszug eines solchen Fragebogen zur Bestimmung der Händigkeit.

Schwierig in der Beurteilung sind Items zum Malen oder Schreiben, da diese sehr stark soziokulturellen Einflüssen unterliegen. Viele eigentlich linkshändige Kinder gerade im Vorschulalter bleiben in spontanen Handlungen beim Gebrauch der linken Hand, während sie beim Malen oder Schreiben sich mehr oder weniger bewusst anpassen und die rechte Hand nutzen. Daher wird bei der Auswertung der durchgeführten Tätigkeiten zunehmend über die Berücksichtigung von Punktwerten, je nach Aussagekraft der einzelnen Tätigkeit diskutiert.

Standardisierte Test zur Erfassung der Leistungsdominanz sollen gesicherte objektive Ergebnisse erzielen. Im Idealfall kommen verschiedene Testleiter bei den gleichen Probanden zu den gleichen Ergebnissen. Die Ausprägung der Leistungsdominanz setzt im Vergleich zur Handpräferenz in der Entwicklung des Kindes deutlich später ein. Zumeist iss sie eng an das Malen und Schreibenlernen geknüpft. Daher bauen Test zur Überprüfung der Leistungsdominanz sehr stark auf feinmotorischen Aufgaben mittels Papier und Stift auf.

Im folgenden zunächst zwei Beispiele für Leistungsdominanztests, die in Deutschland weit verbreitet sind.
Der Punktiertest und Leistungsdominanztest (PTK - LDT) von Friedhelm Schilling für Kinder zwischen 5-12 Jahren überprüft feinmotorische Leistungen beider Hände und die Händigkeitsausprägung in dem er die Punktierleistungen beider Hände miteinander vergleicht. Anhand eines vorgelegten Clownbildes sollen die Kinder nacheinander mit beiden Händen mittels Stift kleine in die Umrisslinie des Clowns eingebaute Kreise punktieren. Ausgewertet wird, welche Hand in der vorgegebenen Zeit mehr Kreise punktiert hat und welche Hand beim Punktieren mehr Fehler gemacht hat, also mit dem Stift nicht getroffen oder über den Kreisrand hinausgemalt hat.
Ähnlich arbeitet der sogenannte Hand-Dominanz-Test von H.-J. Steingrüber, welcher bereits seit 1971 auf dem deutschen Markt ist. Dieser wird sowohl bei Kindern, Jugendlichen als auch Erwachsenen in einer Altersspanne von 6-70 Jahren eingesetzt und ermöglicht Aussagen zu dem Ausprägungsgrad der Händigkeit indem er die Leistungsüberlegenheit einer Hand misst bzw. rechnerisch ermittelt. Er besteht aus drei Untertest, in denen die Probanden Spuren nachzeichnen, Kreise punktieren und Quadrate punktieren. Getestet werden ebenfalls jeweils beide Hände.

Beide Leistungsdominanztests sind schnell und zuverlässig durchzuführen und ermöglichen zuverlässige Aussagen zur Händigkeit, indem sie z.B. auch abbilden, welche Hand die eigentlich leistungsstärkere ist. So kann zum Beispiel anhand der Testergebnisse deutlich werden, dass ein vermeintlich rechtshändiges Kind mit der rechten Hand lediglich etwas schneller, dafür aber deutlich ungeschickter als mit der linken Hand ist. Dies kann wiederum Schlüsse auf einen unerwünschten und damit ungeübten Handgebrauch der eigentlich dominanten linken Hand erlauben.
Eine besondere Rolle kommt den Leistungsdominanztests auch in der Festlegung der zukünftigen Schreibhand bei Vorschulkindern mit noch wechselndem Handgebrauch zu. Kinder welche beide Hände wechselnd dominant einsetzen üben vereinfacht gesagt mit jeder Hand für sich nur halb soviel, wie Kinder mit schon festgelegter Handdominanz und erzielen somit zumeist schlechtere feinmotorische Ergebnisse. Ein Test kann zeigen, welche Hand eine verhältnismässig noch bessere Leistungspräferenz hat und somit gezielt gefördert werden sollte. Bei beidhändig sehr geringen Leistungen empfiehlt es sich eine intensive graphomotorische Förderung zwischenzuschalten und den Leistungsdominanztest zu einem späteren Zeitpunkt zu wiederholen.

Werden Leistungsdominanztest bei gefestigter Schreibhand durchgeführt, ist ihre Aussagekraft zur eigentlichen angeborenen Händigkeit eher kritisch zu betrachten. Ein erfolgreich umgeschulter Linkshänder wird in einem solchen Leistungsdominanztest mit rechts stets bessere Ergebnisse erzielen als mit der linken Hand und daher nicht selten als echter Rechtshänder aus einem solchen Test hervorgehen.

Ein Händigkeitstest der auf die Leistungsdominanz allein abzielt kann (und sei er noch so standardisiert) daher niemals eine umsichtige Händigkeitsuntersuchung ersetzen, vielmehr ist er ein Baustein darin, wenn auch in vielen Fällen ein sehr nützlicher. 

 

Reicht ein einfacher Händigkeitstest, z.B. wie sie auch zahlreich im Internet abrufbar sind aus? Bzw. Ansprüche an eine umsichtige Händigkeitsuntersuchung.

Nein! Natürlich reichen einfache Testblätter oder Fragebögen wie sie im Internet verfügbar sind nicht aus, um eine aussagekräftige Händigkeitsuntersuchung zu ersetzen. Nicht umsonst gibt es speziell ausgebildete Linkshandberater. Linkshändigkeit kann nicht nur bzgl.. den Aspekten Handpräferenz und Leistungsdominanz unterteilt werden, es gibt auch zahlreiche Komponenten, die die Ausbildung und/oder Ausführung einer klaren Händigkeit beeinflussen können. Dr. Johanna Barbara Sattler, deutsche Pionierin auf dem Gebiet der Händigkeitsforschung und Leiterin der Ersten deutschen Beratung- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder, fordert daher eine umsichtige Händigkeitsuntersuchung. Eine solche berücksichtigt sowohl gezielte Beobachtungen der Händigkeit bei verschiedenen (!) Tätigkeiten als auch durchgeführte Präferenztests. Darüber hinaus werden jedoch auch anamnestische Daten erhoben und unter Umständen eine Testung von fein- und grobmotorischen Leistungen im Hinblick auf mögliche auftretende Störung mit Auswirkung auf den Handgebrauch durchgeführt. Dies können z.B. Hand/Arm betreffende Unfälle und Einschränkungen in der Beweglichkeit einer Hand/ eines Armes, neurologische Erkrankungen oder noch bestehende nicht integrierte frühkindliche Reflexe, welche zu Störungen in feinmotorischen Tätigkeiten führen können, sein.
Außerdem sollten soziokulturelle Einflüsse, Störungen durch Umschulungsversuche und die Neigung zu Modell- und Nachahmungsverhalten der Kinder berücksichtigt werden. Bei Bedarf muss sich dann eine gezielte Aufklärungsarbeit für Eltern, Kinder und andere Bezugspersonen anschliessen.

Text: M. Zotter
Ergotherapeutin
BSc "Occ. Ther." (Bachelor of Science for Occuptional Therapy)

Literatur: Sattler, Johanna Barbara. Linkshändige und umgeschulte linkshändige Kinder sowie Kinder mit wechselndem Handgebrauch in der Ergotherapie. In: Ergotherapie & Rehabilitation. Erschienen 5/2002. S.: 21-29.